Von "wenn ich mal groß bin" zu "ich sehe zu alt aus"

February 2, 2018

 

 

An einem sonnigen Tag besucht mich meine Mama in München. Wir schlendern durch die Stadt und sitzen schließlich in der Sonne vor dem Cafe Frischhut - besser bekannt als Schmalznudel. Und genau so eine Schmalznudel bestellen wir uns. Jedes Mal, wenn ich mit meiner Mama - die übrigens so ziemlich genau dreißig Jahre älter ist als ich - hier vorbeilaufe, erzählt sie von ihrer Studienzeit: Nach Partys war ein morgendlicher Stop bei der Schmalznudel ein Muss.

Heute an diesem warmen Tag kurz vor Weihnachten, an dem man fast vergisst, welche Jahreszeit ist, drängen sich an den Tischen vor dem Cafe die Menschen und wir sehen eine ältere Dame, die alleine an einem Tisch für Drei sitzt. Wir überlegen kurz, wollen uns nicht aufdrängen, schließlich fragen wir dann doch ob wir uns dazu setzen dürfen. Scheu wirkt die Bilderbuch-Oma und gleichzeitig auch ein bisschen freudig überrascht. Ja, natürlich, nickt sie. Und wir setzen uns, reden über München heute und über das München von vor über dreißig Jahren. Es hat sich viel geändert in diesen drei Jahrzehnten. Das Treiben wird schneller, die Innenstadt füllt sich zusehends mit Geschäften und leert sich, was mit Leben gefüllte Wohnungen betrifft.

Plötzlich schaltet sich auch die ältere Dame ein und erzählt von München,

wie es war vor 60 Jahren,

und in den Jahrzehnten davor.

Sie erzählt, dass sie seit dieser Zeit durchgehend in der Münchner Innenstadt wohnt. Es ist interessant ihr zuzuhören und einzutauchen in eine Vergangenheit - die wir nie erlebt haben. Der Kaffee und die bestellten Traditionsschmalznudeln, die vermutlich heute schmecken wie damals, werden an den Tisch gebracht. Von Weihnachten erzählt die Dame, im Krieg. Und wie ihre ganze Familie sich freute, als am 24.12. ihre Tante eine Konditortorte mitbrachte. So etwas hatten sie seit Jahren nicht gegessen. Woher die Torte stammte, wagte niemand zu fragen.

Alle wollten sich über die Torte hermachen, doch nein - die Mutter unserer Tischdame bestand darauf - erst am Heiligabend, schön feierlich, wird der Kuchen gegessen. Vorfreude breitet sich aus und alle fallen in eine emsige vorweihnachtliche Stimmung. Endlich ist alles bereit.

Der Kuchen steht unter einer Glasglocke auf dem Wohnzimmertisch, die ganze Familie im feinen Zwirn.

Und die Glocken von Sankt Michael rufen zur Christmette. Verheißungsvolle Dunkelheit breitet sich über das Wohnzimmer, den fein gedeckten Tisch, den Kuchen. Hungrig blicken die Kinder, die Eltern und die Großeltern ein letztes Mal auf den Kuchen. Schnell, schnell, die Weihnachtsglocken rufen. Die ganze Familie eilt zur Kirche.

Fast angekommen zerreißt ein ohrenbetäubendes Geheul von Sirenen die Stille.

Einzig unbeirrt tanzen die dicken Schneeflocken weiter vor sich hin und breiten sich auf den Bürgersteigen der Stadt aus. Die vielen Füße, die in blankpolierten oft mehr als einmal säuberlich geflickten Schuhen stecken, verfallen in Panik, laufen  quer durcheinander und doch mit dem gleichen Ziel. Dunkel färbt sich der Matsch auf den Straßen. Der gerade noch so jungfräulich reine Schnee wird tausendfach getreten und löst sich zu dünnen Rinnsälen in der Kanalisation Münchens auf. Die Menschen laufen in einem Lärm von Sirenen, von aufgeregten Stimmen und dem herzzerreissenden Weinen hunderter Kinder in Richtung eines großen Bunkers, der Sicherheit verspricht. Dann fällt die erste Bombe. Birst ohrenbetäubend am Stadtrand. Licht breitet sich am verschneiten Himmel aus und weitere Detonationen übertönen das Weinen, die Panik, die Sirenen.

 

Die Dame uns gegenüber trinkt noch einen Schluck ihres Kaffees. Beißt in die Schmalznudel. Sieht uns an.

'Als wir heimgekommen sind, waren alle Fenster unserer Wohnung gebrochen. Verstreut auf dem Boden lagen Möbel zwischen Splittern. Und der Kuchen - ja der Kuchen war so mit Glas überhäuft, dass wir den nicht mehr essen konnten. Das war das Allerschlimmste, wie wir ihn weggeworfen haben...'

 

Wir reden noch ein bisschen, über die Veränderungen, über Frauenthemen, über Menschen und München und über die Gentrifizierung. Wir sind nicht frustriert, reden über positive Veränderungen und über Dinge die früher besser waren.

Wir hören uns gegenseitig zu, lachen und werden nachdenklich.

Es sind nur etwa dreißig Minuten in denen drei Generationen über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft reden. Und als die Rechnung kommt, die Schmalznudeln verdrückt sind und wir uns verabschieden habe ich - und ich fühle es: auch die beiden anderen Frauen - ein Lächeln im Gesicht und ein warmes Gefühl im Herzen. 

Die weise alte Frau sieht mich sehr offen und direkt an und wüncht mir alles Gute.

Und ich wünsche ihr das Gleiche. Wie lange sie noch leben wird, weiß niemand. Was ich erleben werde bis ich ihr Alter erreiche, kann ich nicht sagen.

 

Doch ich liebe es mit alten Leuten zu sprechen. Ich freue mich über jedes Jahr an Lebenszeit, das meine Erfahrungen bereichert. Und dann stehe ich wieder in Drogerien mit Regalen, überquellend an Produkten die mir versprechen, ewig jung auszusehen.

Vor Werbeflächen, auf denen sogar weißhaarige Menschen aussehen wie umgestylte 40 Jährige.

Aber ist es wirklich erstrebenswert zwanghaft jung erscheinen zu wollen? Jede einzelne Falte, jedes Graue Haar, erzählt eine Geschichte über Freude oder Trauer, über Begeisterung oder Zorn. Auch meine vernarbten Knie werden mich immer erinnern, als ich versuchte das erte Mal ohne Stützrädern zu radeln. Was ist denn bitte schlecht daran mit 50 auszusehen wie 50 oder mit 90  wie eine Neunzigjährige? Vielleicht wird uns eine größere Selbstakzeptanz helfen, auch mehr Verständnis für Alte, für Junge und nicht nur für Gleichaltrige zu entwickeln.

Denn im Prinzip bin ich keine junge oder keine alte Frau.

Eigentlich bin ich heute noch das Kind dass ich war.

Das ich auch in der Zukunft bleiben will, egal mit wie vielen Lachfalten.

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