Vom Wohnen, vom Arbeiten - und dem Leerstand

December 11, 2017

Eine Familie wohnt mit fünf Kindern bis 1996 in der Münchner Innenstadt. Zwischen Sendlinger Tor, Marienplatz und Stachus. Doch dort, in der bezahlbaren Wohnung mit geteiltem Stockwerk-WC können die sieben nicht länger wohnen bleiben. Scientology mobbt alle Altmieter aus dem Haus, saniert den Altbau und vermietet unter dem Deckmantel „Wohnraum“ an Kanzleien und Reiche.

Heute ist die Altstadt Münchens größtenteils Rummel von Geschäften, von Ketten die es so in jeder Stadt gibt und die Familie kauft einen baufälligen Hof und lebt dort fernab des Konsums sozusagen von der Hand in den Mund. Kommt zurück zu den Basics, gibt die Heimat München gezwungenermaßen auf und ist damit nicht alleine, auch wenn es sich fernab der Stadt im Hinterland schon manchmal so anfühlt.

Eigentlich ist 1996 noch nicht so lange her.

Doch heute wäre es unvorstellbar mit einem mittelmäßigen Einkommen in einer solchen Lage Münchens zu wohnen, es sei denn, man erhält soziale Förderungen und bewohnt ein städtisch gefördertes Objekt mit entsprechendem Platz für Menschen, die erwerbslos oder sozial schwach gestellt sind. Und dann läuft man durch die Stadt.  Wer ein bisschen aufmerksam die prunkvollen Fassaden betrachtet, in einer Stadt, die mehr Arbeit als Wohnraum bietet, kommt nicht umhin, festzustellen, dass viele Fenster dunkel oder abgedeckt sind. Manchmal ganze Häuser. Gelegentlich sieht man seit Jahren einsame Plakate im Umkreis oder an der Fassade dieser Häuser:

GEGEN LEERSTAND – FÜR BEZAHLBAREN WOHNRAUM!

Doch es geschieht nichts mit diesen Objekten. Oder doch? Vielleicht tobt im nicht öffentlichen Hintergrund ein Streit um das Erbe. Oder Diskussionen, welche Investmentfirma denn am meisten Geld für die Immobilie bieten würde. Doch die Familien mit Kindern, die Pärchen mit Hund und ältere oder gehandicapte Menschen unserer Gesellschaft ziehen aufs Land oder in den immer teurer werdenden  Speckgürtel Münchens, um die Heimat nicht aufzugeben, bevor es dort auch unbezahlbar wird.

Und ich laufe durch die Stadt, im Strom der Menschen die zu ihren

– glücklicherweise zu Hauf in München verfügbaren –

Arbeitsplätzen eilen.

Ich sehe neben mir einen soliden Bau, der seit ich in München bin, in nahezu unverändertem Zustand dort steht. Einwächst hinter Bäumen die älter sind als ich vermutlich je werde. Es ist wie eine zeitlose Betrachtung etwas Wunderschönem, doch ich weiß nicht, was hinter den wuchtigen, geheimnisvollen Mauern schlummert.

Lebt dort jemand oder wächst dort eine kleine Gemeinschaft

aus Menschen heran, die neu denken?

Ich wünsche es mir. Doch was ich glaube - in dieser so emsigen und doch vom Menschlichen immer weniger verstehenden Stadt - ist, dass es ein weiterer Bau ist, der über die Zeiten in denen er dort steht, mehr gesehen hat als wir alle. Und heute steht er vielleicht leer, darauf wartend, dass sich seine Räume erneut mit fröhlichem Geplänkel, mit alltäglichem Leben und mit neuen Geschichten füllen. Geschichten unserer Generation, die für die Zukunft unserer Stadt ebenso mitverantwortlich ist wie für jedes einzelne Schicksal von Menschen die wir vergessen.

Denn durch das Horten von immer mehr immateriellem Gut werden wir nichts ändern,

sondern immer einsamer werden in einer Stadt, die pulsiert.

Lasst uns dieses schlagende Herz nicht zu Geschäften werden, das Zentrum unserer Stad nicht zu Geld. Lasst uns nicht länger Lebenszeit verkaufen, in der Hoffnung Glück zu finden, durch teuer bezahlte, kleine Einkaufstüten. Denn die sind schneller vergessen, als der Schnee von gestern. Lasst uns zurückholen was uns gehört, als Menschen. Lasst uns den Stadtkern bevölkern mit allen unseren Alltagsmomenten und gemeinsam auch die Probleme des Alltags lösen.

Und bitte, hören wir endlich auf, uns freikaufen zu wollen

und damit die echten Themen zu verdrängen: durch Konsum.

 

 

 

 

 

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