Würdest du tun, was du tust - unbezahlt?

Die Diskussion über ein bedingungsloses Grundeinkommen

Ungeachtet der politischen Ausrichtung einer Partei und ungeachtet der jeweiligen sozialen Schicht: Es wird international grenzübergreifend die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens diskutiert. Und nicht nur diskutiert: Ob per Crowdfunding finanziert und verlost (Berlin) oder von Regierungen im Testversuch erprobt (Finnland, Abstimmung Schweiz), Versuche zum Thema laufen.

Diese Tests sind zwar nicht wirklich tauglich, Finanzierung, Folgen und Erfolge realistisch zu untersuchen, da der beschränkte Anwendungsbereich innerhalb einer ausgewählten Gruppe von vornherein das Wort bedingungslos und für alle aushebelt. Aber der Gedanke ist da und wird beständig stärker.

Wie sähe ein realistisches Grundeinkommen für alle aus? Anfangen muss das Umdenken in den Köpfen. Wir alle als Einzelne sollten aufhören, etwas zu glauben nur weil wir es kennen: Ich spreche von Geld als Statussymbol und Identifikation von Werten. Aber: Geld ist als sinnvolles Tauschmittel nützlich - nicht mehr und nicht weniger. Dass jede notwendige Arbeit gleich viel zählt und wert ist. Dass jede Arbeit ausschließlich ausgeführt werden sollte von jemandem der diese gerne macht - ob das nun Kochen, Fliegen, Konstruieren, Erziehen oder Zuhören ist. Und weil jemand etwas gern macht ist er darin gut, nicht weil er damit Unsummen verdienen kann, oder sind die Ultrareichen wirklich die glücklichsten Menschen?

Wie also kann die Idee mit dem Grundeinkommen - bedingungslos und für alle - funktionieren? Ich denke oberster Leitsatz muss sein, das wir anfangen ehrlich zu uns zu sein und aufzuhören an Illusionen zu glauben, die uns zeitlebens als Fakten präsentiert wurden - Stichwörter: Vollbeschäftigung als Ziel und Wirtschaftswachstum als positiv. Mit unserem hocheffektiven Leben in fremdbestimmter Erwerbstätigkeit fördern wir gezielt diese zwei Punkte.

Natürlich wird es die Menschen unter uns immer geben, die andere ausschließlich für eigene Zwecke ausnutzen und ausbeuten, Menschen die bereits mehr Geld besitzen als sie zeitlebens ausgeben könnten und trotzdem noch nach immer mehr und mehr Kapital gieren. Während andere Menschen verhungern. Diese erstbeschriebenen Menschen möchte ich hier gar nicht erreichen - vielmehr geht es darum mit Menschen im Austausch zu bleiben die einfach nur glücklich zusammenleben wollen. Und diese Gruppe stellt die bei Weitem größere dar. Hoffe ich.

Wirtschaftswachstum als positiv zu bezeichnen:

Wohl eine der größten sozial anerkannten Lügen die es gibt.

Warum? Um es ganz kurz und eingängig auf den Punkt zu bringen: Als Analogie für Wirtschaftswachstum könnte man den planmäßig wachsenden Raubbau an unserem Planteten und somit an unser aller einzigem Zuhause anführen. Als Ressourcen Dispo - der niemals zurückgezahlt werden kann und soll. Man beachte den Welterschöpfungstag dieses Jahr schon am 02. August ist - ab diesem Tag leben wir als Weltbevölkerung quasi auf ökologischer Basis auf Pump - ohne das irgendein Plan der Rückzahlung existiert.

Im Vergleich dazu: letztes Jahr war dieser Tag noch am 22. August, im Jahr 2000 am 1. November und 1990 am 07. Dezember. Würden alle Nationen einen Lebensstandard oder besser ein Wirtschaftswachstum wie Deutschland praktizieren wären wir bereits am 24. April 2017 ökologisch gesehen pleite. Soviel zu „grünes Deutschland“.

Unsere Gesellschaft möchte nach Möglichkeit jeden Einzelnen „vollbeschäftigen“

Jeder der einen „Vollzeitjob“ ausübt oder ausübte weiß wovon ich spreche: Die 40-Stunden-Woche frisst dermaßen viel Energie, dass eigene Projekte und Ideen darunter leiden und oft zum Erliegen kommen. Das private soziale Zusammenarbeiten wird erschwert. Zudem wird viel vom Austausch im Freundeskreis sowie der Beziehung gekappt. Gespräche versanden im Small-Talk, niemand bringt wirklich noch Kraft auf über Grundlegendes zu sprechen. Dazu kommt die persönliche Angst ohne „Vollzeitbeschäftigung“ als asozial und faul zu gelten.

Tatsächlich kann ich nur aus meinen Erfahrungen und dem Erfahrungsaustausch mir nahestehenden Personen sprechen. Aber, gesetzt der Fall, es wäre mir möglich, meinen 8-Stunden-Arbeits-Tag einzustampfen auf einen 5-Stunden-Tag effektiven Fremdarbeitens: vermutlich würde ich nicht nur das gleiche Ergebnis erbringen - womöglich könnte ich dank wacherem und intensiverem Arbeiten und dem Vermeiden von Leerläufen mit einem sogar besseren Resulat am Tagesende nachhause gehen. Wobei „Tagesende“ das falsche Wort ist: Ich würde um 13.00 Uhr gehen und hätte noch Zeit und Kraft für eigene Projekte, Freunde oder Sport. Ich glaube schon, dass ich - als Teil der sozialen Gesellschaft in der wir leben und von der ich profitiere - etwas leisten muss und auch will, aber ich lebe eben in dieser Gemeinschaft und nicht für diese. Und dass sollte sich auch in der zu leistenden Arbeitszeit wiederspiegeln.

Doch damit komme ich schnell zum Ende dieses Tagtraumes, rein finanziell ist es mir nicht möglich, meine Woche auf 25 Arbeitsstunden zu reduzieren.

Und damit zurück zur Idee des bedingungslosen Grundeinkommens.

Neben dem finanziellen Aspekt - der eigene Projekte erst zulässt:

Welche Faktoren sprechen außerdem für ein solches Einkommen ?

Natürlich sollten zur Arbeitserleichterung und zur Wegrationalisierung von ungeliebten Arbeitsplätzen Roboter eingesetzt werden.

Und die Arbeiten, die Menschen Anforderung und Freude bieten können gerecht auf alle verteilt werden - niemand müsste mehr 40 Stunden arbeiten. Moderne Technik endlich sinnvoll nutzen statt krampfhaft Angst zu schüren vor dem Wegfall von Arbeitsplätzen, die häufig nicht nur ungeliebt sondern häufig auch gesundheitsschädlich sind.

Zudem hat jeder seine ganz persönliche Stressgrenze. Jeder hat ein individuelles Pensum an Aufgaben, die er bewältigen kann und an Arbeitszeit, die er dafür braucht. Es ist unmöglich, allen Menschen - wie Maschinen - abzuverlangen in gleicher Arbeitszeit ähnlich viel zu leisten. Doch das ist gängiges Modell unseres „Arbeitsmarktes“.

Glücklicheres Leben wäre möglich, wenn jeder eigenverantwortlich entscheidet wie viel er der Gesellschaft geben kann ohne sich selbst zu vergessen.

Und dafür nicht stigmatisiert und angefeindet würde - weil er „nur“ einen 400 Euro Job hat oder gar nicht fremd arbeiten geht. Denn diese Ausgrenzungen orientieren sich am kapitalen Verdienst des Einzelnen, unter dem Motto: du bist was du machst. Ehrenamt muss man sich leisten können.

Ein weiteres starkes Argument ist, dass Ideen plötzlich kreativer werden, flexibler umgesetzt werden können und bessere Leistungen erbracht werden.

Warum? Ich denke jeder war schon einmal in der Situation, etwas Produktives getan zu haben ohne dafür Geld zu verlangen. Das Ergebnis - verglichen mit etwas Ähnlichem, das ausschließlich für Bezahlung und nach Auftrag eines Vorgesetzten getan wird - schneidet in den meisten Fällen nicht nur ebenso gut, sondern sogar besser ab. Und zwar sowohl bezogen auf die freiere Umsetzung des Projektes als auch in der eigenen gezeigten Innovation und Motivation.

Und nicht zuletzt der familiäre Bereich, besonders die Stellung der Frau in diesem: bedingungslos heißt bedingungslos auch was das Alter des Berechtigten angeht, ab dem ersten Lebensjahr.

Was würde zugunsten des für jeden bezahlten Grundeinkommens wegfallen? Zum einen Erziehungsgeld, das Belange von Frauen benachteiligt - da an Erwerbstätigkeit bzw. das Fehlen einer solchen gebunden. Außerdem Geringfügiges Kindergeld - das niemals ausreicht, adäquat kindlichen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Und damit auch gleich zur Umsetzung, dem Wie.

Unser Staat fußt auf ausufernden bürokratischen Strukturen, die ursprünglich gedacht waren uns das Leben zu erleichtern aber mittlerweile das Gegenteil davon erreichen. Angefangen bei den Verwaltungsämtern von Gemeinden, Kreisen und Städten. Gerade in Städten ist allein ein abgelaufenes Ausweisdokument, die An- und Abmeldung eines Wohnsitzes oder ähnliches verbunden mit ungerechtfertigt hohem Aufwand: man sitzt schon mal einen halben Tag mit seiner gezogenen Nummer im Wartebereich. Das alles kostet den Antragstellter Zeit, den Staat Geld. Die Anstellung von Verwaltungsbeamten, der Unterhalt von riesigen Amtsbauten und nicht zuletzt der Ausstattung der Räumlichkeiten müssen bezahlt werden.

In Zeiten des digitalen Zeitalters hängt vor allem der Staat, der ja Vorbild sein soll, am weitesten in der Nutzung digitaler Arbeitserleichterung und damit einhergehender Kostenersparnis hinterher. Auf Kosten der Steuerzahler.

Der elektronische Bundespersonalausweises - der die selten genutzte Funktion der elektronischen Legitimation besitzt - hat sich nicht durchgesetzt.

Das liegt daran dass außer dem elektronischen Abmelden eines ab 2015 zugelassenen Kraftfahrzeugs keine Behördengänge elektronisch ersetzt werden können. Andere Informationsfunktionen nicht berücksichtigt. Zudem ist das Verfahren mit der sog. eID so kompliziert dass kaum jemand dieses nutzt. 

„Der neue Personalausweis leidet bis heute unter seinen Geburtsfehlern. In vielen Bürgerämtern wurde den Leuten ja sogar empfohlen, die Online-Funktion besser nicht freizuschalten“,

so Pablo Mentzinis vom Fachverband Bitkom. Damit sagt er alles.

Aber würde die Möglichkeit einer vereinfachten Nutzung des Ausweises angeboten, würden die riesigen Verwaltungsämter rasch schrumpfen. Mit elektronisch Vereinfachter Abarbeitung verschlankt, handlungsfähiger in wichtigen Bereichen und damit günstiger. Dasselbe gilt für schon fast künstlich verkomplizierte Steuererklärungen.

Wichtigster Punkt wäre, die Behörde, die entscheidet wem Geld zusteht und in welcher Höhe wegzurationalisieren - und zwar vollständig.

Das Arbeitsamt würde bei der Umsetzung eines bedingungslosen Grundeinkommens überflüssig.

Nur als Beispiel: Meine Schwester hat studiert und anschließend in Frankfurt am Main einen 40-Stunden-Job angenommen, in diesem wurden Überstunden in keiner Form abgeglichen. Effektiv arbeitete sie etwa 50 Stunden pro Woche. Doch sie verdiente weniger als der ihr zustehende Hartz IV-Satz. In der Zeit, in der sie im Arbeitsamt ihre Leistungen zum Aufstocken des Einkommens beantragte, musste sie Urlaub nehmen. Zum Leben reichte das Geld nämlich bei Weitem nicht. Jedes Mal wenn sie das Amt betrat wurde sie zum Mensch zweiter Klasse und entsprechend behandelt. Wie vielen Menschen es so geht und wie viele darunter leiden wissen wir, doch redet keiner der Betroffenen darüber da er als Harzer stigmatisiert und ausgegrenzt würde.

Neben diesen Einsparmaßnahmen:

Woher könnten noch Gelmittel für das Grundeinkommen kommen?

Tierisches Fleisch für den Verzehr, dass den größten ökologischen Fußabdruck unter allen verfügbaren Nahrungsmitteln verursacht und dessen Produktion in Massentierhaltung mit der Qual von Millionen Tieren verbunden ist, wird günstiger gehandelt als vegetarischer Ersatz. Wer die Rügenwalder Mühle und deren fleischbasierten Nahrungsmittel mit vegetarischen Ersatzprodukten vergleicht, weiß wovon ich spreche. Zudem ist übermäßiger Fleischkonsum der Gesundheit nicht zuträglich, das ist bekannt. Wie kann man den Konsum einschränken und gleichzeitig eine Geldquelle zugunsten des Projektes Grundeinkommen für alle schaffen? Richtig, Besteuerung tierischer Produkte. Um den Bogen noch weiter zu spannen wäre sogar in Anbetracht der ökologischen Notsituation in der wir uns befinden eine generelle CO2 Steuer fällig, die alle Produkte - gleich aus welchem Bereich - die einen erhöhten Ausstoß verursachen umfasst.

Ich will nicht gleich die ganze Welt verändern, denn solche Ansätze sind entweder von Anfang an zum Scheitern verurteilt oder enden im Krieg. Aber ich kann im Kleinen anfangen – indem ich gleichzeitig versuche, Bewusstsein für solche Themen zu schaffen und mein eigenes Selbstverständnis erneuere: in der veränderten Schwerpunktsetzung meiner privaten und gesellschaftlichen Prioritäten.

Anfangen aufzuhören daran zu glauben, dass Geld glücklicher oder sogar zu einem besseren Menschen macht.

Sich eingestehen dass es mehr Freude macht, zu geben als zu nehmen. Dass erst das Erlernen vom selbstlosen Geben und zugleich dankenden Annehmen uns näher zusammenbringt - als wahrhaft soziale Gesellschaft.

Und zu wissen, dass der Stein den ich ins Meer der Welt werfe immer auch Kreise ziehen wird. Dass Millionen Kerzen von nur einer einzigen Kerze erleuchtet werden können, unbeschadet der einzelnen Kerze. Lasst uns umdenken und reden und endlich mutig anfangen zu leben.