Sorry, heute nur wir beide.

August 15, 2017

 

 

Oft schlafen Beziehungen ein, weil ständige Einflüsse des alltäglichen Lebens die Zweisamkeit zwischen Partnern aufweichen. Oder man lebt ziemlich unspektakulär und bequem parallel nebeneinander her. Vor allem wenn man zusammen wohnt fühlt sich der Zustand schnell an wie das Leben mit einem guten WG Nachbarn – nur mit gemeinsamem Schlafzimmer und mal mehr, mal weniger Intimität.

 

Mein Freund und ich beschließen bewusst einen Abend nur zu weit zu verbringen, uns in diesem treiben zu lassen und einfach zu sehen was kommt. Kino und Weggehen sind die zwei Eckpunkte.

Ok, den Film planen wir dann doch. Erst mal ist Spiderman Homecoming im Gespräch, klassisch im Mathäser Filmpalast – auf direktem Weg zur Sonnenstraße und deren Clubs. Mein Freund ist ein wahres Crack auf dem Gebiet aktueller Kinofilme – eigentlich überhaupt was Filme angeht. Rein aus Interesse scrolle ich auf der Kino App– die wirklich empfehlenswert ist und stolpere über Begabt – die Gleichung eines Lebens.

Der Film klingt interessant, ist ein Drama und dreht sich um ein Mädchen das von seinem alleinstehenden Onkel nach dem Tod der Mutter aufwächst. Das Mädchen ist hochbegabt und es stellt sich die Frage ob es in eine Schule für besonders Begabte gehen soll oder doch lieber lernen soll, Kind zu sein.

Klingt gut, machen wir.

Das Schöne ist, dass der Film in den Kinos Münchner Freiheit gezeigt wird: Kaum jemals bin ich in der Ecke der Stadt und in dem Kino waren wir beide noch nie. 

Der Film entpuppt sich dann leider als etwas flache Unterhaltung. Zudem muss ich sagen: In einem Film der als Hauptcharakter ein Mädchen deklariert, sollte perspektivisch auch die weibliche Sicht vertreten werden. Allerdings steht im Fokus der Handlung und als Hauptidentität des Filmes der Onkel des Mädchens – mit allen dazugehörigen Emotionen eines Mannes. Schade.

Aber kein Wunder: Regie führt Marc Webb, und wie bereits der Spiegel in einer Gender Studie vom 13.02.2017 berichtete: Nicht mal ein Viertel der kreativen Berufe in der deutschen Filmbranche wird von Frauen ausgeübt.

Erst mal eine Rauchen vor dem Kino. Egal wie schlecht die Angewohnheit auch ist: Die meiste Zeit genieße ich sie als kommunikative oder stille Pause von Was-Auch-Immer-Ich-gerade-So-Mache. Und wie es so oft ist führt eins zum andern, mit der Zigarette schon in der Hand stehen wir direkt vor einer Dönerbude, die außer Döner Pizza und Bier vertickt. Perfekt, was mampfen und ein Wegbier auf die Hand. Chillig.

Wir laufen mit Bier und einem Pizzaslice, das wir teilen, die Leopoldstraße in Richtung Stadt. Zu beobachten, wie sich das Gesicht der Stadt nachts ändert und mit ihm die Menschen, ist immer wieder erstaunlich und faszinierend. Dabei sind das doch die gleichen Leute die ich jeden Tag auch in der U-Bahn zur Arbeit sehe. Aber dann ist auch meistens Rushhour oder schlimmstenfalls Montagmorgen...

Es ist nicht kalt, wir labbern über Gott und die Welt. Naja, über Gott eigentlich nicht. Diese fixe Idee des Patriarchen, geschaffen aus einem Machtimpuls einzelner Menschen, ist mir suspekt. Und auch nicht wirklich Gesprächsstoff für diesen schönen Abend.

Wie aus dem Nichts beginnt es zu regnen. Nein, nicht dieser nervige Nieselregen, es sind Fluten und Sturzbäche die über uns hereinbrechen, zwei Schirme sind machtlos. Die U-Bahn Universität ist eigentlich direkt unter uns, wir befinden uns zwischen beiden Abgängen. Aber auch die 20 Meter zum Abgang sind unüberbrückbar, zum Glück gibt’s das PaDu, in das wir uns jetzt flüchten.

Es fühlt sich an, als kämen wir in ein Wohnzimmer, schütteln die Schirme ab und tauchen ein in die Mischung aus typischen Bargeruch, entspanntem Geplauder der Gäste und treibender Musik.

Blöd nur dass wir noch zwei Augustiner in der Hand halten, meins ist schon fast leer und gemeinsam trinken wir auch das zweite, bevor wir uns einen Tisch suchen und die Getränkekarte checken. Noch eine Viertelstunde Happy Hour, Cocktails für 4,90. Läuft.

Wir trinken, wir reden, wir vergessen die Zeit und beginnen zu spüren dass wir getrunken haben. Der Regen hat aufgehört, irgendwann verlassen wir die Bar auf die sauber gewaschenen Straßen. Es ist nicht kalt und wir gehen zu Fuß zum Cord.

Schon auf der Treppe zum Cord empfangen uns wummernde Bässe, Zeit für die Garderobe nehmen wir uns nicht, sondern verstauen - ganz nach alter Atomic-Manier - unsere Jacken in einer Ecke des Clubs. Die bunten Lichter fangen uns ein, wir drehen uns gegenseitig und hüpfen zusammen zu der Indie Music, die klingt als wäre sie nur für uns und diesen Abend geschrieben worden.

Es ist immer noch wie frührer - oder eigentlich am Anfang.

Als wir uns im Atomic kennengelernt haben.

Unzählige Mittwoche haben wir dort tanzend verbracht, unzählige Cocktails in der HappyHour getrunken. Und uns unzählige Male geküsst.

Und deswegen gehe ich so gerne nur zu zweit mit dir aus: weil ich dann die gleiche Magie von vor vielen Jahren wieder genauso intensiv spüre. Weil die tiefe Vertrautheit der Zeit, die ich dich kenne uns verbindet. Weil ich spüre, wie alles was du bist und was ich bin in diesem erlebten Moment zusammenkommt und als Summe uns beide ergibt.

 

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